Stellt sich Hollywood endlich gegen die Tech-Oligarchen?
Ein progressiver Blick auf die neuen Schurken des Silicon Valley
Mehr als ein Jahrzehnt lang verkaufte sich das Silicon Valley als Zukunft: glatt, effizient, meritokratisch und irgendwie über der Politik schwebend. Hollywood spielte diesen Mythos weitgehend mit – Tech-Gründer wurden zu schrulligen Genies, missverstandenen Disruptoren oder tragischen Antihelden stilisiert, deren Verfehlungen letztlich als Wachstumsschmerzen des Fortschritts durchgingen.
Diesen Herbst bekommt diese Erzählung Risse.
Eine neue Welle von Filmen – Luca Guadagninos Artificial über Sam Altman und OpenAI, Aaron Sorkins The Social Reckoning über Facebook und Mark Zuckerberg, eine Dokumentation über Elon Musk und eine weitere über Elizabeth Holmes – steht für mehr als nur einen Biopic-Trend. Wie Mother Jones berichtet, ist Big Tech zurück auf der Leinwand, aber diesmal ist die Kamera nicht schmeichelnd. Sie ist forensisch.
Für Progressive ist dieser Wandel bedeutsam. Kultur prägt, was wir für möglich halten – und wen wir für verantwortlich halten. Wenn Hollywood Tech-Oligarchen endlich als Machtakteure mit realen Konsequenzen darstellt und nicht nur als Hoodie-tragende Visionäre, öffnet das politischen Raum für Regulierung, Arbeiter*innenmacht und demokratische Kontrolle über Technologien, die unser Leben umkrempeln.
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Die neue Ära der Tech-Schurken: Hintergrund und zentrale Fakten
Laut dem Mother-Jones-Artikel stehen vier große Projekte im Zentrum dieses aufkommenden filmischen „Tech-Abrechnungs“-Moments:
– Luca Guadagninos Artificial
Eine Dramatisierung von Sam Altmans turbulenter Zeit bei OpenAI, inklusive der Machtkämpfe um KI-Sicherheit, Governance und Profite. Guadagnino, bekannt für Figuren-zentrierte Filme wie Call Me By Your Name und Bones and All, soll sich stark auf die psychologischen und ethischen Spannungen konzentrieren, die entstehen, wenn unter Konzern- und Investorendruck mächtige KI-Systeme gebaut werden.
– Aaron Sorkins The Social Reckoning
Ein geistiger Nachfolger von The Social Network, der in die Untersuchungen zur Rolle von Facebook bei Desinformation, politischer Radikalisierung und Datenausbeutung eintaucht. Mark Zuckerberg wird nicht mehr als der unbeholfene Nerd des Films von 2010 gezeichnet, sondern als CEO, der sich kritischen Fragen stellen muss, wie seine Plattformen Extremismus befeuert und die Demokratie untergraben haben.
– Eine neue Dokumentation über Elon Musk
Dieses Projekt beleuchtet Musks Wandel vom „innovativen Milliardär“ zum polarisierenden Oligarchen – inklusive seiner Kontrolle über Plattformen wie X (ehemals Twitter), seines Einflusses auf den öffentlichen Diskurs, Arbeitskonflikten bei Tesla und SpaceX sowie seiner Verflechtungen mit Regierungen und Aufsichtsbehörden.
– Eine Dokumentation über Elizabeth Holmes und die Theranos-Saga
Holmes wurde bereits in The Dropout porträtiert, doch diese neue Dokumentation legt Berichten zufolge den Fokus stärker auf systemische Probleme: wie Risikokapital, Medienhype und eine „move fast and break things“-Kultur einen massiven Betrug in einem Bereich ermöglichten, in dem es um die Gesundheit von Menschen geht.
Zusammengenommen sind diese Filme nicht bloß Charakterstudien. Es geht um Macht: wer sie hat, wie sie eingesetzt wird und was passiert, wenn sie in den Händen weniger Privater mit minimaler demokratischer Kontrolle konzentriert ist.
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Eine progressive Lesart: Was passiert hier wirklich?
Aus progressiver Sicht spiegeln diese Filme einen größeren kulturellen Wendepunkt wider: das Ende des Tech-Exzeptionalismus.
Jahrelang inszenierte sich das Silicon Valley als wohlwollende Alternative zu den alten Konzernbösewichten aus Öl, Tabak oder Wall Street. Tech-CEOs wurden als „mission-driven“ verkauft, ihre Unternehmen als „Plattformen“ statt als Verlage, Arbeitgeber oder Monopole. Regulierung wurde als veraltete Bedrohung für Innovation dargestellt. Hollywood griff diese Erzählung oft auf und zeigte Tech-Figuren als fehlerhaft, aber im Kern visionär.
Die neue Filmwelle deutet darauf hin, dass diese Geschichte an Überzeugungskraft verliert.
1. Tech als politischer Akteur, nicht als neutrales Werkzeug
The Social Reckoning scheint Facebook als politische Institution zu behandeln, nicht nur als soziales Netzwerk. Das ist ein großer Schritt. Es bedeutet anzuerkennen, dass algorithmische Entscheidungen, Moderationsrichtlinien und Geschäftsmodelle, die auf Engagement und Werbeeinnahmen basieren, politische Entscheidungen sind – Entscheidungen, die Hass verstärken, Wahlen untergraben und autoritäre Bewegungen befeuern können.
Ähnlich untersucht Artificial Berichten zufolge die Governance-Konflikte innerhalb von OpenAI – darüber, ob KI offen sein soll, wer über ihren Einsatz entscheidet und wie Profitinteressen Sicherheitsentscheidungen beeinflussen. Das stellt die Vorstellung infrage, KI sei einfach „unaufhaltsamer Fortschritt“. Es rahmt KI als etwas, das Menschen entwerfen, regulieren und zu Geld machen – nicht als Naturgewalt.
2. Der Mythos vom genialen Gründer
Diese Filme kratzen auch am Mythos des einsamen Genie-Gründers, der unbegrenzte Macht verdient, weil er „die Zukunft sieht“. Musk, Altman, Zuckerberg, Holmes – sie alle wurden auf unterschiedliche Weise mythologisiert. Die neuen Darstellungen betonen hingegen ihre Fehlbarkeit, ihre Anfälligkeit für Ego und Druck und die Schäden, die aus ihren Entscheidungen resultieren.
Das ist wichtig, weil die Genie-Erzählung enorme Vermögen und Einfluss legitimiert: „Wer diese Firmen aufgebaut hat, soll sie auch kontrollieren.“ Indem Hollywood sie vermenschlicht und kritisch beleuchtet, öffnet es die Tür für eine demokratischere Frage: Warum sollte überhaupt eine Person – oder eine kleine Investor*innengruppe – Technologien kontrollieren, die Wahlen, Arbeitsmärkte und globale Kommunikation prägen?
3. Vom individuellen Skandal zur strukturellen Kritik
Die Theranos-Geschichte wurde oft als singulärer Skandal erzählt, als einzigartig dreister Betrug. Die kommende Dokumentation, so Mother Jones, zielt jedoch auf eine strukturelle Kritik: den Hunger von Venture Capital nach „Einhörnern“, die Fixierung der Medien auf charismatische Gründer*innen und ein Regulierungssystem, das mit hypegetriebener Innovation – gerade im Gesundheitsbereich – kaum Schritt hält.
Das ist ein progressiver Schritt: weg von „diese Person hat gelogen“ hin zu „dieses System belohnt Lügen und bestraft Vorsicht“. Dieselben systemischen Fragen stellen sich bei KI-Sicherheit bei OpenAI, Content-Moderation bei Facebook oder Arbeitsbedingungen bei Tesla.
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Warum das für soziale Gerechtigkeit und progressive Werte wichtig ist
Kultur ist nicht nur Unterhaltung; sie ist ein Schlachtfeld darum, was wir normalisieren und was wir zurückweisen. Diese Filme berühren mehrere zentrale progressive Anliegen:
1. Demokratie vs. Oligarchie
Wenn eine Handvoll Tech-Oligarchen die Infrastruktur für Kommunikation, Finanzen, Arbeit und Information kontrolliert, gerät die Demokratie in Gefahr. Plattformen wie Facebook und X bestimmen mit, welche Nachrichten Menschen sehen. KI-Systeme beeinflussen Einstellungen, Polizeiarbeit und öffentliche Dienstleistungen. Tech-CEOs, die in erster Linie Investor*innen und nicht Wähler*innen verpflichtet sind, treffen Entscheidungen mit demokratischen Konsequenzen.
Indem Hollywood Tech-Führungsfiguren als verantwortliche – und mitunter gefährliche – Akteure zeigt, hilft es, die Illusion zu durchstechen, sie würden „nur Werkzeuge bauen“. Es stärkt das Argument für demokratische Kontrolle: Kartellrecht, Plattformregulierung, Datensouveränität und gemeinwohlorientierte Technologie.
2. Arbeitnehmer*innenrechte und die Zukunft der Arbeit
Musks Bilanz in Sachen Arbeitsrechte – von Vorwürfen union-busting bis hin zu unsicheren Arbeitsbedingungen – ist Teil eines größeren Musters: Tech-Unternehmen geben sich futuristisch, stützen sich aber auf prekäre, schlecht bezahlte oder überwachte Arbeit – ob in Lagerhäusern, Content-Moderationsfarmen oder Gig-Plattformen.
Diese Realitäten auf die Leinwand zu bringen, steht im Einklang mit progressiver Arbeits- und Gewerkschaftspolitik. Es macht sichtbar, wer „die Zukunft“ tatsächlich baut und am Laufen hält, und stellt die Vorstellung infrage, Innovation rechtfertige Ausbeutung.
3. Rassistische Ungleichheit und algorithmische Schäden
Plattformen wie Facebook waren an der Verbreitung rassistischer Desinformation, der Organisation der extremen Rechten und der Anheizung von Gewalt gegen marginalisierte Communities weltweit beteiligt. KI-Systeme – von Predictive-Policing-Tools bis zu Gesichtserkennung – treffen Schwarze, People of Color und arme Communities überproportional hart.
Wenn The Social Reckoning und Artificial diese Schäden in den Mittelpunkt stellen, tragen sie eine zentrale Einsicht in den Mainstream: Technologie ist nicht neutral. Sie kodiert Vorurteile, reproduziert Ungleichheit und verschärft oft bestehende Machtverhältnisse. Das ist zentral für progressive Kämpfe gegen strukturellen Rassismus und für digitale Bürgerrechte.
4. Öffentliche Güter vs. Privatprofit
Ob KI-Forschung, soziale Medieninfrastruktur oder Diagnostik im Gesundheitswesen – viele dieser Technologien bewegen sich in Bereichen, die stark an öffentliche Güter erinnern. Dennoch werden sie von privaten Unternehmen kontrolliert, die primär ihren Aktionär*innen verpflichtet sind.
Indem die Filme Konflikte zwischen Profit und Sicherheit, Engagement und Wahrheit, Disruption und öffentlicher Gesundheit dramatisieren, rücken sie eine zentrale progressive Frage in den Fokus: Welche Technologien sollten als öffentliche Daseinsvorsorge oder Commons reguliert werden – statt den Launen einzelner Milliardäre überlassen zu bleiben?
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Was du tun kannst – und wie du informiert bleibst
Filme allein werden Tech-Oligarchen nicht zähmen. Aber sie können die öffentliche Vorstellungskraft verschieben und Raum für Organisierung schaffen. So lässt sich das in Handlung übersetzen:
1. Schau kritisch – und sprich darüber
Wenn diese Filme erscheinen, schau sie mit Freund*innen, Kolleg*innen oder in Community-Gruppen. Nutze sie als Ausgangspunkt für Diskussionen über reale Politik: KI-Regulierung, Plattformverantwortung, Arbeitsrechte, Kartellrecht. Frag, was die Filme ausblenden – insbesondere Perspektiven von Arbeiter*innen, marginalisierten Nutzer*innen und Communities außerhalb der USA.
2. Unterstütze Organisationen, die Tech-Missbrauch bekämpfen
– Digitale Rechte- und Bürgerrechtsorganisationen (z.B. EFF, Fight for the Future, ACLU)
– Arbeiter*innen-Organisierung in Tech und angrenzenden Branchen (z.B. Tech Workers Coalition, gewerkschaftliche Organisierung in Lagerhäusern, Callcentern und auf Gig-Plattformen)
– Rassismus- und Bürgerrechtsorganisationen mit Fokus auf Überwachung und algorithmische Voreingenommenheit
3. Setz dich für politische Veränderungen ein
Kontaktiere lokale und nationale Abgeordnete und fordere:
– Starke Datenschutz- und Datensicherheitsgesetze
– Transparenz und Rechenschaftspflicht bei Algorithmen
– Kartellrechtliche Maßnahmen gegen Tech-Monopole
– Einschränkungen für Hochrisiko-KI, insbesondere in Polizei, Migration und Arbeitswelt
Öffentlicher Druck wirkt – Gesetzgeber*innen handeln eher, wenn sich der kulturelle Wind gedreht hat.
4. Fordere bessere Medienberichterstattung
Unterstütze Medien, die Tech-Macht kritisch beleuchten (wie Mother Jones, The Markup, Rest of World etc.). Teile ihre Recherchen, abonniere sie, wenn möglich, und widersprich unkritischer Tech-Euphorie in Mainstream-Medien.
5. Bau Alternativen auf – und unterstütze sie
Nutze und unterstütze, wo möglich:
– Genossenschaftliche oder community-eigene Plattformen
– Open-Source-Werkzeuge
– Gemeinwohlorientierte Tech-Initiativen
Diese werden Big Tech nicht über Nacht ersetzen, aber sie zeigen, dass sich digitales Leben auch um Demokratie und Gerechtigkeit statt um Extraktion organisieren lässt.
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Hollywoods neue Tech-Erzählungen werden die Oligarchen des Silicon Valley nicht im Alleingang entmachten. Aber sie können helfen, sie klarer zu sehen – nicht als schrullige Genies jenseits der Politik, sondern als mächtige Akteure in Systemen von Profit, Ungleichheit und Kontrolle.
Für Progressive ist diese Klarheit ein Gewinn. Sie macht es leichter, dafür zu argumentieren, dass die Zukunft der Technologie nicht in Aufsichtsräten und Milliardärs-Group-Chats entschieden werden sollte. Sie sollte demokratisch gestaltet werden – mit Arbeiter*innen, Communities und marginalisierten Menschen im Zentrum.
Den ursprünglichen Mother-Jones-Artikel findest du hier:
https://www.motherjones.com/politics/2026/10/tech-films-artificial-social-reckoning-musk-altman-holmes-zuckerberg-guadagnino-sorkin-documentary/
Foto von Humphrey M auf Unsplash
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