Konzerne, nicht Migrant*innen, treiben den Krankenversicherungsbetrug – und das ist entscheidend
Seit Jahren verbreiten konservative Politiker*innen die Vorstellung, „betrügerische“ Migrant*innen würden öffentliche Ressourcen ausbeuten, insbesondere Programme wie Medicare und Medicaid. Dieses Narrativ wird genutzt, um harte Maßnahmen gegen Migration, Kürzungen bei Sozialprogrammen und mehr Überwachung ohnehin marginalisierter Communities zu rechtfertigen.
Doch ein neuer Bericht des Office of Inspector General (OIG) im US-Gesundheitsministerium (HHS), hervorgehoben von The Intercept, zeichnet ein völlig anderes Bild: Der überwältigende Großteil des Krankenversicherungsbetrugs wird nicht von Migrant*innen, sondern von Konzernen und professionellen Akteur*innen in der Gesundheitsbranche begangen. Der Bericht erwähnt Migrant*innen nicht einmal.
Das ist wichtig, weil es eine zentrale politische Strategie der Rechten der Trump-Ära (und ihres anhaltenden Einflusses heute) entlarvt: Mythen über Migrant*innen als Waffe zu nutzen, um von den massiven Missbräuchen der Konzernmacht abzulenken. Es geht nicht nur um Zahlen in einer Tabelle. Es geht darum, wer beschuldigt, wer bestraft und wer in unserem Gesundheitssystem und in unserer Demokratie geschützt wird.
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Hintergrund: Was der OIG-Bericht tatsächlich zeigt
Das OIG ist die interne Aufsichtsbehörde des HHS und damit beauftragt, Verschwendung, Betrug und Missbrauch in bundesstaatlichen Gesundheitsprogrammen wie Medicare und Medicaid aufzudecken. Ihre Berichte sind keine parteipolitischen Kommentare – sie sind technische, datenbasierte Analysen darüber, wo Betrug stattfindet und wer dafür verantwortlich ist.
Laut der von The Intercept aufgegriffenen Auswertung:
– In der großen Mehrheit der Fälle von Krankenversicherungsbetrug sind Konzerne, Praxen, Kliniken und professionelle Gesundheitsdienstleister*innen beteiligt – nicht einzelne Patient*innen und schon gar nicht Migrant*innen als Gruppe.
– Diese Machenschaften umfassen häufig:
– Überabrechnung oder „Upcoding“ (Abrechnung teurerer Leistungen, als tatsächlich erbracht wurden)
– Abrechnung von Leistungen, die nie stattgefunden haben
– Kickback-Systeme zwischen Leistungserbringer*innen und Vermittler*innen
– Firmennetzwerke, die Scheinfirmen aufsetzen, um öffentliche Gelder abzuschöpfen
– Der OIG-Bericht konzentriert sich auf systematische Missbräuche durch organisierte Akteur*innen innerhalb der Gesundheitsbranche und identifiziert Migrant*innen nicht als bedeutende Betrugsquelle.
Mit anderen Worten: Die Aufsichtsbehörde, die Betrug tatsächlich untersucht, zeigt auf Konzerne und institutionelle Akteur*innen – während Trump-Beamt*innen und ihre Verbündeten mit dem Finger auf Migrant*innen zeigen.
Diese Lücke zwischen Rhetorik und Realität ist der Kern der Geschichte.
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Wie die Rechte den Mythos vom „Migrant*innen-Betrug“ nutzt
Die politische Strategie der Trump-Regierung beruhte stark darauf, Migrant*innen – insbesondere undokumentierte Menschen und Asylsuchende – als Bedrohung für öffentliche Sicherheit, wirtschaftliche Stabilität und die Integrität öffentlicher Programme darzustellen. Das Gesundheitswesen war da keine Ausnahme.
Offizielle Stellen und rechte Medien suggerierten immer wieder, Migrant*innen würden:
– Notaufnahmen und öffentliche Krankenhäuser „missbrauchen“
– Unrechtmäßig Leistungen beziehen
– Betrug begehen, der strengere Auflagen und mehr Überwachung rechtfertige
Doch die Erkenntnisse des OIG widersprechen dieser Erzählung direkt. Der Bericht befasst sich mit Betrug in öffentlich finanzierten Gesundheitsprogrammen – und Migrant*innen kommen darin nicht einmal vor.
Das ist kein Zufall. Es ist ein Hinweis darauf, dass das Narrativ vom Migrant*innen-Betrug in erster Linie ein politisches Instrument ist, kein Abbild der Realität. Es lenkt Wut von Konzernen weg und hin zu verletzlichen Menschen, die in diesem System am wenigsten Macht haben.
Aus progressiver Sicht ist das ein klassischer Fall von Sündenbock-Politik: Diejenigen an der Spitze schaffen oder verschärfen eine Krise – und geben dann marginalisierten Communities die Schuld für die Folgen.
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Progressive Analyse: Folgt dem Geld, nicht den Mythen
Wenn man die Rhetorik beiseitelässt und den Belegen folgt, ergibt sich ein anderes Bild:
1. Krankenversicherungsbetrug ist strukturell ermöglicht
Betrug in Medicare und Medicaid entsteht nicht im luftleeren Raum. Er wird möglich durch:
– Ein komplexes Abrechnungssystem, das großen, professionellen Akteur*innen entgegenkommt
– Konzernkonzentration, die großen Playern enorme Macht und Intransparenz verschafft
– Schwache Aufsicht und unterfinanzierte Behörden, die mit massiven Konzernmodellen nicht Schritt halten können
Das sind nicht die Bedingungen, unter denen einzelne Migrant*innen – oder überhaupt einzelne Patient*innen – systematisch Milliarden aus öffentlichen Programmen abzweigen könnten. Das ist das Terrain von Konzernen.
2. Unternehmenskriminalität wird als technisches Problem, nicht als moralische Krise behandelt
Wenn Konzerne betrügen, wird das häufig dargestellt als:
– Ein „Compliance-Problem“
– Ein „Abrechnungsfehler“
– Ein „Vergleich“ zur Beilegung „mutmaßlichen Fehlverhaltens“
Selbst wenn Unternehmen Strafen zahlen, gestehen sie selten Schuld ein, und Führungskräfte landen so gut wie nie im Gefängnis. Gleichzeitig sind arme Menschen – insbesondere Schwarze, People of Color und migrantische Communities – massiver Polizeigewalt und Inhaftierung wegen deutlich geringerer Vergehen ausgesetzt.
3. Die Stigmatisierung von Migrant*innen schützt Konzernmacht
Indem sie die öffentliche Wut auf Migrant*innen lenken, erreichen konservative Akteur*innen:
– Dass von der Rolle der Konzernlobbys bei der Gestaltung eines profitorientierten Gesundheitssystems abgelenkt wird
– Dass Debatten über strukturelle Reformen wie eine allgemeine Krankenversicherung, stärkere Regulierung oder die Zerschlagung von Monopolen vermieden werden
– Dass ein Status quo erhalten bleibt, in dem Konzerne still und leise von öffentlichen Geldern profitieren, während sich die öffentliche Empörung anderswo entlädt
4. Der eigentliche „Betrug“ ist ein Gesundheitssystem, das auf Profit statt auf Versorgung ausgerichtet ist
Betrug ist nicht nur illegale Abrechnung; es ist ein System, das:
– Gesundheit als Ware behandelt
– Menge und Profit über Patient*innenwohl stellt
– Privaten Akteur*innen erlaubt, öffentliche Programme als Einnahmequelle zu betrachten
Aus progressiver Perspektive ist das der eigentliche Skandal: Wir haben ein System geschaffen, in dem die Ausschöpfung öffentlicher Mittel durch Konzerne normalisiert ist – und geben dann Migrant*innen die Schuld, wenn die Rechnung fällig wird.
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Warum das für soziale Gerechtigkeit und progressive Werte wichtig ist
Diese Geschichte dreht sich nicht nur darum, wer betrügt; es geht darum, wessen Leben und Würde auf dem Spiel stehen.
1. Sie stellt rassistische und xenophobe Narrative infrage
Der Mythos vom „Migrant*innen-Betrug“ ist nicht nur falsch – er dient dazu, Grausamkeit zu legitimieren:
– Versagung medizinischer Versorgung für undokumentierte Menschen
– „Public charge“-Regeln, die Migrant*innen für die Nutzung grundlegender Leistungen bestrafen
– Anheizen von Hass und Gewalt gegen migrantische Communities
Die Wahrheit über Konzernbetrug offenzulegen, untergräbt diese Narrative und schafft Raum für eine ehrlichere Debatte darüber, wer das System tatsächlich ausnutzt.
2. Sie macht den Bedarf an Konzernverantwortung deutlich
Progressive Kräfte weisen seit Langem darauf hin, dass:
– Unternehmenskriminalität zu selten strafrechtlich verfolgt wird
– Aufsichtsbehörden unterfinanziert und politisch ausgebremst sind
– Geldstrafen oft nur als Kostenfaktor im Geschäftsmodell gelten, nicht als Abschreckung
Der OIG-Bericht unterstreicht die Notwendigkeit:
– Die Durchsetzung von Regeln gegen Konzernbetrug zu stärken
– Führungskräfte persönlich zur Verantwortung zu ziehen
– Wiederholungstäter von der Teilnahme an öffentlichen Programmen auszuschließen
3. Sie verbindet Gesundheitsgerechtigkeit mit wirtschaftlicher Gerechtigkeit
Jeder Dollar, der aus Medicare oder Medicaid gestohlen wird, fehlt bei:
– Der Finanzierung von Medikamenten
– Pflege- und Assistenzleistungen zu Hause
– Angeboten für psychische Gesundheit und Suchthilfe
– Krankenhäusern und Kliniken in ländlichen Regionen
Konzernbetrug verschärft Ungleichheit, indem Ressourcen von den Menschen abgezogen werden, die sie am dringendsten brauchen – und in die Taschen von Aktionär*innen und Manager*innen fließen.
4. Sie stärkt das Argument für eine universelle, öffentliche Gesundheitsversorgung
Ein zersplittertes, profitorientiertes System ist ein idealer Nährboden für Betrug. Ein universelles, öffentlich finanziertes System:
– Vereinfacht die Abrechnung
– Verringert die Möglichkeiten für komplexe Konzerntricks
– Verlagert den Fokus von Profit auf Versorgung
Aus progressiver Sicht ist dies ein weiteres Argument für Modelle wie „Medicare for All“ oder ähnliche universelle Systeme – nicht nur, um den Zugang zu erweitern, sondern auch, um öffentliche Gelder vor Konzernmissbrauch zu schützen.
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Was du tun kannst und wie du informiert bleibst
Du musst keine Policy-Expert*in sein, um Mythen zu hinterfragen und echte Verantwortung einzufordern.
1. Stell das Narrativ infrage
Wenn du hörst, Migrant*innen würden Gesundheitsprogramme „ausbluten“:
– Frag nach Belegen
– Verweise auf Berichte von Aufsichtsbehörden wie dem OIG, die Konzernbetrug dokumentieren
– Heb hervor, dass die eigenen Regierungsdaten diese Behauptungen nicht stützen
2. Unterstütze Organisationen, die für Gesundheitsgerechtigkeit kämpfen
Engagiere dich bei oder spende an Gruppen, die:
– Für eine universelle Gesundheitsversorgung eintreten
– Konzernmissbrauch im Gesundheitswesen beobachten
– Migrant*innenrechte verteidigen und gegen Xenophobie arbeiten
Viele lokale und nationale Organisationen verknüpfen diese Themen explizit – weil sie untrennbar miteinander verbunden sind.
3. Fordere stärkere Verantwortung von Konzernen ein
Kontaktiere deine politischen Vertreter*innen und setze dich ein für:
– Mehr Mittel für Aufsichtsbehörden und Kontrollinstanzen wie das OIG
– Härtere Strafen und strafrechtliche Verantwortung bei Konzernbetrug
– Transparenzpflichten für Gesundheitskonzerne, die öffentliche Gelder erhalten
4. Bleib über unabhängigen Journalismus informiert
Mainstream-Medien greifen politische Talking Points oft auf, ohne sie kritisch zu prüfen. Unabhängige Medien wie The Intercept spielen eine zentrale Rolle, indem sie:
– Untersuchen, was Regierungsberichte tatsächlich sagen
– Politische Entscheidungen mit den Lebensrealitäten der Menschen verknüpfen
– Sichtbar machen, wie Macht im Hintergrund wirkt
Solche Berichterstattung zu lesen und zu teilen, hilft, die öffentliche Debatte von Angst hin zu Fakten zu verschieben.
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Der Streit darum, wem Krankenversicherungsbetrug angelastet wird, ist in Wahrheit ein Streit darüber, wessen Leben etwas wert ist und wessen Macht infrage gestellt wird. Wenn Migrant*innen zu Sündenböcken gemacht werden, während Konzerne still und leise Milliarden aus öffentlichen Programmen abzweigen, ist das nicht nur unehrlich – es ist ein direkter Angriff auf Gerechtigkeit, Gleichheit und Demokratie.
Progressive Politik verlangt, dass wir über Sündenböcke hinausblicken und die tatsächlichen Quellen von Missbrauch in unseren Systemen benennen. Dieser OIG-Bericht und die Berichterstattung, die ihn ins Licht rückt, erinnern daran: Wenn wir ein faires und menschliches Gesundheitssystem wollen, müssen wir Konzerne – nicht Migrant*innen – zur Verantwortung ziehen.
Den Originalartikel findest du hier:
https://theintercept.com/2026/07/31/immigrants-healthcare-medicare-fraud-scam/
Foto von Daniel Romero auf Unsplash
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